Amnesty International Gruppe 1180

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30. August 2013

Verhaftet, verschleppt, verschwunden

Film und Diskussion: Veranstaltungsreihe zum Internationalen Tag der Verschwundenen

Wenn staatliche Organe oder Bürgerkriegsparteien einen Menschen festnehmen, seine Inhaftierung jedoch nicht bestätigt ist und jede Information über sein Schicksal und seinen Verbleib fehlt, spricht man von Verschwindenlassen. Diese Praxis basiert auf Geheimhaltung und Schweigen und wird verwendet, um Angst zu verbreiten und gleichzeitig Verbrechen zu verschleiern. Sie wird während Bürgerkriegen, von Diktaturen, aber auch im „Krieg gegen den Terror“ angewendet und beschränkt sich nicht auf die lateinamerikanischen Diktaturen der siebziger Jahre...

Diese Praxis des Verschwindenlassens ist weltweit verbreitet von Mexiko bis Marokko, von Uganda bis Nepal. Häufig werden gewaltsam Verschwundene gefoltert; etliche tauchen niemals wieder auf. Angehörige, die wissen wollen, was mit ihren Kindern, Eltern, Ehegatten und Geschwistern geschehen ist, bekommen keine Antwort. Die Behörden leugnen die Inhaftierung und behaupten, keine Informationen zu haben. Oft werden die Angehörigen eingeschüchtert oder bedroht. Die systematische Praxis des Verschwindenlassens stellt ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Das seit 2010 in Kraft getretene Internationale Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen untersagt die Praxis auch in außergewöhnlichen Umständen. Zudem stärkt es das Ziel, die Straflosigkeit des Verschwindenlassens zu bekämpfen und das Recht aller Angehörigen, die Wahrheit zu erfahren. // Die Berliner Gruppe „Israel und die besetzten palästinensischen Gebiete“ (1180) organisierte zum Internationalen Tag der Verschwundenen eine Veranstaltungsreihe, die eine Podiumsdiskussion sowie zwei Filmabende umfasste. Im Kino Babylon in Berlin zeigte die Gruppe an zwei Tagen Dokumentarfilme aus Algerien und Guatemala. In beiden Ländern sind während Bürgerkriegen zehntausende Menschen dem Verschwindenlassen zum Opfer gefallen.

In "Chanson pour Amine" wird die Geschichte einer Mutter erzählt, die ihren Sohn Amine 1997 im Zuge des algerischen Bürgerkriegs durch gewaltsames Verschwindenlassen verlor und die heute noch gemeinsam mit anderen Familienangehörigen Verschwundener für das Erinnern, die Wahrheit und für Gerechtigkeit kämpft.

Der Film "The Echo of Pain of the Many" dokumentiert die Suche einer Frau nach ihrem Bruder, der 1984 in Guatemala dem gewaltsamen Verschwindenlassen zum Opfer fiel. Über einen Zeitraum von vier Jahren entdeckt die Filmemacherin Ana Lucía Cuevas durch Archivaufzeichnungen die Verwicklung der guatemaltekischen Regierung und ausländischer Geheimdienste in die Entführung, Folterung und Ermordung ihres Bruders und seiner jungen Familie. Anlässlich der Deutschlandpremiere der Dokumentation luden wir Ana Lucía Cuevas nach Berlin ein. In einem anschließenden Gespräch tauschte sich das Publikum mit der Filmemacherin über ihre Erfahrungen im Kampf gegen das gewaltsame Verschwindenlassen und die aktuelle Situation in Guatemala aus.

Die Berliner Lateinamerika-Gruppe unterstützte die Gruppe 1180 mit einem Infostand und einer Petition zu einem aktuellen Fall des Verschwindenlassens aus Mexiko.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion erörterten Andreas Schüller (European Center for Constitutional and Human Rights), Rainer Huhle (Nürnberger Menschenrechtszentrum und Mitglied im Ausschuss der UN-Konvention gegen das Verschwindenlassen) und Barbara Unger (Direktorin des Lateinamerika-Programms bei der Berghof Foundation) Möglichkeiten der Aufarbeitung von gewaltsamem Verschwindenlassen. Die drei Gäste erläuterten verschiedene Mechanismen, die im Rahmen von Aufarbeitungsprozessen umgesetzt werden können, um eine Basis für nachhaltigen Frieden in betroffenen Gesellschaften zu schaffen. Dabei wurde deutlich, wie schwierig es sein kann, den Bedürfnissen der Opfer gerecht zu werden und gleichzeitig die Täter in Friedensprozesse zu integrieren. Denn neben dem Wunsch nach Informationen zum Schicksal der verschwundenen Person sowie der Möglichkeit, die geliebte Person bestatten zu können, hat für Angehörige die juristische Aufarbeitung häufig Priorität. In einigen Fällen führte diese Aufarbeitung aber zu neuerlichen gesellschaftlichen Konflikten (wie aktuell im Fall des Prozesses um Efrain Ríos Montt in Guatemala).

Die Ratifikation der UN-Konvention gegen das Verschwindenlassen durch mittlerweile 40 Länder stellt sicherlich einen bedeutenden Fortschritt im Kampf gegen das gewaltsame Verschwindenlassen dar. Dennoch kann in den meisten von dieser Praxis betroffenen Ländern von erfolgreicher Aufarbeitung noch keine Rede sein. Hunderttausende Personen weltweit wissen nichts über das Schicksal ihrer Angehörigen und nur ein Bruchteil der Täter wurde bisher juristisch zur Verantwortung gezogen. Umso wichtiger ist es durch Appellbriefe und Solidaritätsaktionen, die Herausgabe von Informationen zum Verbleib verschwundener Personen sowie eine konsequente Strafverfolgung der Täter und Entschädigung der Opfer fordern.